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Kelten, Slawen und Angelsachsen: Wikinger in fremden Ländern – Wie sie aufgenommen, bekämpft oder integriert wurden

  • Autorenbild: Michael Praher
    Michael Praher
  • 20. Okt. 2025
  • 6 Min. Lesezeit
Ein Nordmann umgeben von Kelten, Slawen und Angelsachsen

Inhaltsverzeichnis:

🔸 Fazit

🔸 FAQ

Einleitung

Wenn man an die Wikinger denkt, hat man oft das Bild von Plünderern vor Augen, die mit schnellen Langschiffen Dörfer und Klöster heimsuchten. Doch die Realität war weitaus komplexer. Die Nordmänner waren nicht nur Krieger, sondern auch Händler, Siedler und Diplomaten. In den Ländern, auf die sie trafen – sei es in Irland, bei den angelsächsischen Königreichen Englands oder im slawischen Osten – begegneten ihnen Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen und politischen Strukturen. Diese Kontakte führten zu Kämpfen und Eroberungen, aber ebenso zu Allianzen, Vermischungen und gegenseitigem Einfluss.


Im Folgenden werfen wir einen detaillierten Blick darauf, wie Kelten, Slawen und Angelsachsen auf die Ankunft der Wikinger reagierten – und wie die Nordmänner schließlich in diesen Gesellschaften ihren Platz fanden.

Wikinger und die Kelten: Irland und Schottland

Die Begegnung der Wikinger mit den keltischen Völkern, insbesondere in Irland und Schottland, war von Gegensätzen geprägt. Einerseits kam es zu heftigen Kämpfen, andererseits zu einer tiefgreifenden kulturellen Durchmischung.


Bereits Ende des 8. Jahrhunderts landeten die ersten Wikinger an der irischen Küste. Klöster wie Lindisfarne und Iona, die reich an Schätzen und zugleich schlecht verteidigt waren, boten ideale Ziele. Die Iren erlebten die Nordmänner daher zunächst als brutale Feinde. Doch bald änderte sich das Bild: Die Wikinger gründeten Siedlungen, die zu wichtigen Handelszentren wurden – darunter Dublin, Waterford und Limerick. Aus reinen Plünderern wurden Händler und Stadtgründer.


In Schottland kam es sowohl zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Pikten als auch zu enger Vermischung, besonders auf den Hebriden und den Orkneys. Hier verschmolzen nordische und keltische Kultur so stark, dass eine hybride Identität entstand – die „Gall-Ghaeil“, also die „Fremden-Gallier“ oder „nordischen Iren“. Sprache, Kunst und Bräuche beeinflussten sich gegenseitig.


Damit wurde deutlich: Die Wikinger waren nicht nur Eroberer, sondern auch Gestalter neuer kultureller Realitäten.

Wikinger und die Angelsachsen: Krieg und Integration in England


Erste Kontakte und Plünderungen

Die Küsten Englands wurden bereits im späten 8. Jahrhundert von Wikingern heimgesucht. Besonders das Jahr 793 – der Überfall auf das Kloster Lindisfarne – gilt als Beginn der Wikingerzeit. Die Angelsachsen erlebten die Nordmänner zunächst als grausame Räuber, die Kirchen plünderten, Mönche erschlugen und wertvolle Reliquien raubten.


Doch schon bald wandelten sich die Angriffe zu systematischen Feldzügen. Die Wikinger kamen nicht mehr nur für schnelle Beutezüge, sondern auch, um dauerhaft Land zu gewinnen. Ab Mitte des 9. Jahrhunderts führte dies zur Bildung der sogenannten Großen Heidnischen Armee, einer Koalition aus verschiedenen nordischen Kriegern, die große Teile Englands verwüstete und schließlich auch besetzte.


Das Danelag – ein neues Machtzentrum

Die größte Zäsur in der angelsächsischen Geschichte war die Entstehung des Danelag. Dabei handelte es sich um Gebiete im Osten und Norden Englands, die unter der Kontrolle der Wikinger standen. Dort führten die Nordmänner ihre eigenen Gesetze ein, gründeten Siedlungen und prägten sogar die Ortsnamen. Noch heute zeugen Endungen wie -by (z. B. Derby, Grimsby) oder -thorpe von skandinavischem Einfluss.


Während die Angelsachsen anfangs erbittert Widerstand leisteten – allen voran König Alfred der Große von Wessex –, kam es später zu einer Art Koexistenz. Handel, Eheschließungen und kulturelle Anpassungen führten dazu, dass sich Wikinger und Angelsachsen vermischten. Manche Nordmänner ließen sich taufen und wurden Teil der angelsächsischen Gesellschaft.


Konflikt bis zur Eroberung

Trotz Integration blieb die Beziehung zwischen Angelsachsen und Wikingern von Spannungen geprägt. Immer wieder kam es zu neuen Invasionen, Tributforderungen (Danegeld) und Kämpfen um die Vorherrschaft. Erst im 11. Jahrhundert kulminierte dies in der Herrschaft des dänischen Königs Knut des Großen, der England, Dänemark und Norwegen zu einem Nordseereich vereinte.


Damit hatten die Wikinger nicht nur kurzfristige Verwüstung gebracht, sondern auch eine tiefe Prägung in Sprache, Kultur und Politik hinterlassen.

Wikinger und Slawen: Handel, Krieg und die Entstehung der Rus


Begegnung im Osten

Während die Wikingerschiffe im Westen Klöster und Küsten heimsuchten, bewegten sich andere Gruppen über die Ostsee Richtung Osten. Dort trafen sie auf slawische Stämme, die in den Regionen des heutigen Polen, Weißrusslands, Russlands und der Ukraine siedelten. Diese Kontakte verliefen weit weniger einseitig als im Westen: Wikinger und Slawen standen sowohl in Konkurrenz als auch in Kooperation.


Handelsnetzwerke und Städte

Die Ostsee war ein zentrales Bindeglied für Handel und Austausch. Wikinger gründeten Handelsplätze wie Staraja Ladoga oder Nowgorod, die schnell zu Schmelztiegeln aus nordischen, slawischen und finno-ugrischen Kulturen wurden. Gemeinsam kontrollierten Wikinger und Slawen Flussrouten, die sie tief ins Landesinnere führten – bis zum Schwarzen Meer und nach Byzanz.


Dabei entstand eine kulturelle Symbiose: Während die Wikinger militärische Organisation und Seefahrt einbrachten, stellten die Slawen lokale Netzwerke, Ressourcen und landwirtschaftliche Basis. Viele Siedlungen waren von Beginn an multiethnisch geprägt.


Krieg und Einflussnahme

Natürlich waren die Kontakte nicht immer friedlich. Wikingertruppen erpressten Tribute, führten Kriegszüge gegen slawische Stämme und nahmen Gefangene, die später als Sklaven (thralls) verkauft wurden. Doch gerade aus dieser Dynamik entwickelten sich neue Machtstrukturen: Wikingerfürsten, die sogenannten Waräger, übernahmen in einigen Regionen die Herrschaft.


Am bekanntesten ist die Gründung der Kiewer Rus, die traditionell mit dem skandinavischen Fürsten Rjurik und seinen Nachfolgern in Verbindung gebracht wird. Hier verschmolzen slawische Bevölkerung und skandinavische Herrscher zu einem neuen Staatswesen, das später zur Wiege Russlands, der Ukraine und Weißrusslands wurde.


Kultureller Austausch

Die Slawen beeinflussten die Wikinger ebenso wie umgekehrt. Archäologische Funde zeigen, dass Wikinger Schmuck, Waffen und Handwerkstechniken übernahmen. Gleichzeitig brachten sie ihre Runen, nordischen Bräuche und Handelsgüter wie Bernstein oder Silbermünzen in die slawischen Gebiete.


Der Austausch ging sogar so weit, dass sich manche Wikinger slawische Bräuche aneigneten und in die eigene Mythologie integrierten. Umgekehrt prägten nordische Götter- und Heldennamen die Sagenwelt im Osten.

Wikinger in Byzanz: Die Waräger und die kaiserliche Garde


Ankunft am Bosporus

Einige Wikinger reisten über Fluss- und Landrouten bis nach Konstantinopel (heutiges Istanbul). Diese Verbindung entstand durch die Kontrolle der Handelsrouten über die Flüsse Dnjepr, Don und Wolga, die tief ins Landesinnere führten. Dort trafen sie auf das mächtige Byzantinische Reich – eine hoch organisierte, kulturell fortgeschrittene Gesellschaft, die stark von Rom geprägt war.


Die Waräger-Garde

Die Wikinger, im Osten als Waräger bekannt, wurden schnell zu begehrten Söldnern. Sie bildeten die Waräger-Garde, die Leibwache der byzantinischen Kaiser. Diese Eliteeinheit war berühmt für ihre Disziplin, Kampfkraft und Loyalität. Viele Waräger blieben Jahrzehnte im Dienst, lernten die griechische Sprache und wurden teilweise in die byzantinische Gesellschaft integriert.


Wirtschaftlicher und kultureller Austausch

Neben militärischem Einfluss betrieben Wikinger intensiven Handel. Sie brachten Bernstein, Pelze und Waffen nach Byzanz und nahmen dafür luxuriöse Güter mit – Gold, Silber, Seide und Gewürze. Viele archäologische Funde im Norden, z. B. byzantinische Münzen in Skandinavien, belegen diese Handelsströme.

Wikinger am Kalifat: Vom Schwarzen Meer bis nach Bagdad


Handelsrouten in den Süden

Einige Waräger setzten ihre Reisen über das Kaspische Meer und Flüsse wie die Wolga fort, bis sie ins Gebiet des Abbasiden-Kalifats gelangten. Dort, in Städten wie Bagdad, trafen sie auf islamische Kaufleute, Kunsthandwerker und komplexe Märkte.


Handel und Einfluss

Die Wikinger agierten als Vermittler zwischen Nord- und Südeuropa, transportierten Waren wie Sklaven, Pelze, Honig und Bernstein und brachten Silbermünzen und exotische Waren zurück nach Skandinavien. Durch diese Handelsbeziehungen wurde der Norden wirtschaftlich und kulturell stärker vernetzt, als oft angenommen.


Integration und Legenden

In der islamischen Welt hinterließen die Wikinger Spuren in Erzählungen und Berichten. Arabische Chronisten beschrieben sie als mutige, aber auch fremdartige Krieger und Händler. Der kulturelle Austausch ging über Handel hinaus: Techniken, Waffen und nautisches Wissen wurden übernommen und weitergegeben.

Bedeutung der Wikingerreisen für Handel und Kultur

Die Reisen nach Byzanz und ins Abbasiden-Kalifat zeigen, dass die Wikinger weit mehr waren als reine Raubkrieger. Ihre Rolle als Händler, Söldner und kulturelle Vermittler trug erheblich zur Vernetzung Europas und des Nahen Ostens bei.


  • Handel: Bernstein, Pelze, Honig, Waffen gegen Gold, Silber, Seide, Gewürze. Diese Handelsbeziehungen führten zu wirtschaftlichem Wachstum und kultureller Durchdringung.

  • Militärischer Einfluss: Die Waräger-Garde in Byzanz demonstriert die hohe militärische Professionalität der Wikinger. Ihre Loyalität machte sie zu gefragten Söldnern.

  • Kultureller Austausch: Von nautischen Techniken über Waffendesign bis hin zu Münzsystemen – die Wikinger übernahmen Elemente fremder Kulturen und brachten diese in den Norden zurück.


Die Tatsache, dass skandinavische Siedlungen teilweise byzantinische und arabische Münzen enthielten, zeigt die tiefe Vernetzung zwischen Norden und Süden bereits im Frühmittelalter.

Fazit - Wikinger in fremden Ländern

Die Wikinger waren nicht nur Eroberer und Plünderer. Sie waren Händler, Entdecker und kulturelle Brückenbauer zwischen Nord- und Südeuropa. Die Reisen nach Byzanz und in den Nahen Osten belegen, dass sie aktiv an politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Netzwerken teilnahmen und somit weit über ihr „Raubimage“ hinauswirkten.

FAQ

Warum reisten Wikinger so weit nach Osten?

Die Suche nach Reichtum, Handelsmöglichkeiten und militärischer Karriere motivierte viele. Flüsse wie die Wolga und Dnjepr boten direkte Routen in weit entfernte Reiche.

Wer waren die Waräger?

Waräger waren skandinavische Söldner, die im Byzantinischen Reich dienten, insbesondere als Leibwache des Kaisers.

Haben Wikinger kulturelle Einflüsse übernommen?

Ja, sie lernten Techniken, Münzsysteme und Handelsstrategien, die sie in den Norden zurückbrachten.

Gab es Wikinger in Bagdad?

Berichte arabischer Chronisten bestätigen die Anwesenheit von skandinavischen Händlern und Söldnern in der Region, vor allem entlang der Wolga.

Call-to-Action

Du willst mehr über das wirkliche Leben der Wikinger jenseits von Raubzügen erfahren? Dann schau dir auch unsere Beiträge über Wikinger auf See, ihre Handelsrouten und die Waräger in Byzanz an! Teile deine Gedanken in den Kommentaren und diskutiere mit anderen Wikinger-Enthusiasten.

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