Nordische Wesen – Die Kreaturen der alten Mythen (Mit Video)
- Michael Praher

- 4. Apr. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Aug. 2025

Inhaltsverzeichnis:
Einleitung
Die nordische Mythologie ist eine faszinierende Welt voller mächtiger Götter, heroischer Krieger und geheimnisvoller Kreaturen. Viele dieser Wesen sind weit mehr als bloße Gestalten in alten Sagen – sie verkörpern kosmische Prinzipien, Naturgewalten und psychologische Archetypen. Ob gigantische Schlangen, boshafte Eichhörnchen oder schicksalhafte Weberinnen: Jedes dieser Wesen erfüllt eine bestimmte Rolle im großen Gefüge von Yggdrasil, dem Weltenbaum, und beeinflusst das Schicksal von Menschen und Göttern gleichermaßen.
Im Folgenden werfen wir einen genaueren Blick auf einige der bedeutendsten mythischen Wesen der nordischen Welt – von den Tiefen des Meeres bis zu den höchsten Zweigen Yggdrasils.
Jörmungandr – Die alles umspannende Midgardschlange
Jörmungandr, auch bekannt als die Midgardschlange, ist eines der furchteinflößendsten Wesen der nordischen Mythologie. Sie ist das Kind des Gottes Loki und der Riesin Angrboda – ein Geschwisterwesen des Fenriswolfes und der Totengöttin Hel. Als die Götter erkannten, welche Gefahr von dieser Schlange ausgehen würde, warfen sie sie ins Meer, das Midgard umgibt. Dort wuchs sie unaufhaltsam, bis sie die ganze Welt umschlang und sich selbst in den Schwanz biss – ein Bild, das an den Ouroboros erinnert, das uralte Symbol des ewigen Kreislaufs.
Die Feindschaft zwischen Jörmungandr und dem Donnergott Thor ist legendär. Schon in früheren Begegnungen, etwa beim berühmten Fischzug mit dem Riesen Hymir, wird deutlich, dass diese beiden Wesen in einem Schicksalskampf verbunden sind. Während Thor sie fast aus den Tiefen des Meeres reißt, verhindert Hymirs Angst vor dem Untergang der Welt das finale Duell – vorerst.
Doch das Ende dieser Rivalität ist längst vorherbestimmt: In Ragnarök, der letzten Schlacht, wird Jörmungandr aus den Fluten steigen, ihr Gift wird Himmel und Erde verseuchen, und sie wird Thor entgegentreten. Thor wird sie mit Mjölnir erschlagen, doch auch er wird nur noch neun Schritte tun können, bevor das Gift ihn tötet.
Jörmungandr ist nicht bloß ein Ungeheuer, sondern Symbol für Chaos, Unberechenbarkeit und das Unvermeidbare. Sie steht für die zyklische Natur von Zerstörung und Wiedergeburt – eine Urkraft, der sich selbst die Götter beugen müssen.
Ratatosk – Der boshafte Bote des Weltenbaums
Ratatosk ist auf den ersten Blick ein unscheinbares Wesen: ein Eichhörnchen, das unermüdlich den Weltenbaum Yggdrasil auf- und abläuft. Doch seine Rolle ist bedeutender, als es zunächst scheint. Ratatosk überbringt Nachrichten – oder besser gesagt: Provokationen – zwischen dem weisen Adler, der auf der Spitze des Baumes thront, und dem Drachen Nidhöggr, der an den Wurzeln des Baumes nagt.
Anstatt Frieden zu stiften, schürt Ratatosk Streit und Missgunst. Er übertreibt, verdreht und lügt – nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Genuss. Damit wird er zum Sinnbild der destruktiven Macht von Tratsch, Neid und Intrige. In ihm manifestiert sich die Idee, dass selbst kleinste Wesen großen Schaden anrichten können – nicht mit Schwertern, sondern mit Worten.
In tieferer Symbolik könnte Ratatosk auch als Vermittler zwischen Himmel und Unterwelt gesehen werden – als das unruhige Element der Kommunikation, das Wahrheit und Lüge vermischt und damit das fragile Gleichgewicht zwischen den Welten ins Wanken bringt.
Die Nornen – Hüterinnen des Schicksals
Tief im Innersten von Yggdrasil, am Urdbrunnen, sitzen die Nornen: Urd (Vergangenheit), Verdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft). Diese drei weiblichen Wesen sind keine gewöhnlichen Göttinnen – sie sind Verkörperungen des Schicksals selbst. Aus ihrem unsichtbaren Gewebe entsteht das Leben aller Wesen, von den niedrigsten Kreaturen bis hin zu den höchsten Göttern.
Sie spinnen, weben und schneiden die Lebensfäden – ein uraltes Bild, das sich auch in anderen indogermanischen Traditionen wiederfindet. Kein Wesen kann sich ihrem Urteil entziehen, und selbst Odin sucht ihren Rat, wohlwissend, dass ihre Weissagungen unumkehrbar sind. Ihre Existenz offenbart die tragische Tiefe der nordischen Weltanschauung: Alles ist vorbestimmt, und selbst Helden können dem vorherbestimmten Untergang nicht entfliehen.
Doch die Nornen sind nicht nur Richterinnen – sie sind auch Bewahrerinnen des kosmischen Gleichgewichts. Täglich gießen sie den Weltenbaum mit heiligem Wasser und helfen so, die Ordnung der Neun Welten zu bewahren. Ohne ihr Wirken würde das Gefüge der Schöpfung zerfallen.
Auch in der Volksglauben der Wikinger spiegeln sich die Nornen wider: Viele Menschen glaubten, dass jedem Menschen eine persönliche Norne zugeteilt sei, die sein individuelles Schicksal lenkt – zum Guten oder zum Schlechten. Gebete und Rituale richteten sich an sie in der Hoffnung, ihren Einfluss milde zu stimmen.
Die Walküren – Odins Auserwählte zwischen Leben und Tod
Die Walküren sind weit mehr als mythologische Kriegerinnen – sie sind göttliche Wächterinnen über Ehre, Tod und Schicksal. In glänzenden Rüstungen reiten sie auf geflügelten Pferden über die Schlachtfelder Midgards, um jene Krieger auszuwählen, die ehrenvoll gefallen sind. Die Tapfersten unter ihnen werden nach Walhall gebracht, wo sie als Einherjer unter Odins Schutz stehen und sich auf Ragnarök vorbereiten.
Doch in den Überlieferungen sind Walküren nicht bloß Gehilfinnen Odins – sie sind auch eigenständige, oft widersprüchliche Wesen. Einige sind kalt und unerbittlich, andere zeigen Mitgefühl oder verlieben sich sogar in Sterbliche. Namen wie Brynhildr, Sigrdrífa oder Hildr stehen für Walküren, die durch Liebe oder Eigensinn aus ihrer göttlichen Rolle ausscheren – mit tragischen Konsequenzen. Wer sich dem Willen Odins widersetzt oder zu sehr in das Schicksal der Menschen eingreift, verliert oft seine Unsterblichkeit oder wird verbannt.
Walküren sind Sinnbilder für jene Grenzlinie zwischen Freiheit und göttlichem Auftrag. Sie symbolisieren den Übergang vom Leben zum Tod, vom Diesseits zum Jenseits – und zeigen, dass auch Macht immer mit Verantwortung verbunden ist.
Trolle – Wilde Kinder der alten Welt
Trolle gehören zu den urtümlichsten Wesen der nordischen Sagenwelt. Sie sind Geschöpfe der Wildnis – gewaltige, oft missgestaltete Wesen, die in Bergen, Höhlen oder tiefen Wäldern leben. Das Sonnenlicht ist ihr größter Feind, denn es lässt sie zu Stein erstarren – ein Motiv, das auf ihre Zugehörigkeit zu einer älteren, vorzeitlichen Welt hindeutet, die im Licht der Ordnung keine Existenzberechtigung mehr hat.
In den Mythen gibt es zwei Hauptformen von Trollen: die plumpen, einfältigen Bergtrolle und die schlaueren, oft magiebegabten Waldtrolle. Manche Geschichten stellen sie als gefährliche Feinde dar, die mit List oder roher Gewalt Menschen schaden. Andere zeigen sie als scheue, ambivalente Wesen, die manchmal sogar in Beziehungen mit Menschen treten oder als Vorfahren mystischer Helden gelten.
Trolle stehen sinnbildlich für die ungezähmte Natur, die dem Menschen fremd und bedrohlich erscheint – aber auch faszinierend und voller uralter Weisheit. Sie sind das Echo einer Welt, die nie ganz gezähmt werden konnte.
Alben und Elfen – Lichtgestalten und Schattenwesen
In der nordischen Mythologie gibt es zwei Arten von Elfen bzw. Alben: die Lichtalben (Ljósálfar) und die Dunkelelfen (Svartálfar). Erstere gelten als strahlende, gütige Wesen von überirdischer Schönheit. Sie leben in Alfheim, einem lichtdurchfluteten Reich, das dem Gott Freyr zugeordnet ist. Die Lichtalben stehen für Fruchtbarkeit, Heilkunst, Musik und Magie – sie symbolisieren das Schöne und Erhabene jenseits der Menschenwelt.
Ganz anders sind die Dunkelelfen, die oft mit den Zwergen gleichgesetzt oder zumindest eng verwandt sind. Sie hausen tief unter der Erde, fern vom Licht, und sind eher zwielichtige Wesen – Meister der Illusion, der Verzauberung, aber auch der Täuschung. In manchen Texten werden sie als listig und gefährlich beschrieben, in anderen als kluge Helfer mit großem Wissen über Magie und Handwerk.
Die Dualität von Licht- und Dunkelelfen zeigt die Ambivalenz der nordischen Vorstellung von Magie: Sie kann heilend oder zerstörerisch, schön oder schrecklich sein – je nachdem, wie sie angewendet wird.
Die Zwerge – Meister der Runen und der Schmiedekunst
Zwerge (altnordisch dvergar) sind kleinwüchsige, aber hochintelligente Wesen, die tief im Reich Svartalfheim leben. Ihre größte Stärke ist ihr Handwerk: Sie sind legendäre Schmiede und erschufen einige der bedeutendsten Artefakte der Götterwelt – darunter Mjölnir (Thors Hammer), Gungnir (Odins Speer) und Draupnir (der sich selbst vermehrende Ring).
Zwerge werden oft als verschlagen, geizig oder sogar boshaft beschrieben. Ihre Kunstfertigkeit ist unbestritten, aber sie verlangen immer einen Preis – sei es Reichtum, eine Seele oder das Erstgeborene. Viele ihrer Schöpfungen sind daher ambivalent: Sie bringen Macht, aber auch Fluch.
In manchen Quellen sind Zwerge uralte Wesen, aus dem Blut oder Knochen des Ur-Riesen Ymir geboren. Ihr Wissen um Runen, Magie und verborgene Kräfte macht sie zu einer Art Mittlern zwischen Göttern und Naturgewalten. Sie sind gleichzeitig das Gedächtnis und die Technik der Welt – Meister des Stofflichen wie des Geistigen.
Die Jötnar – Urgewalten des Chaos
Die Jötnar, oft als „Riesen“ bezeichnet, sind die ältesten Wesen der nordischen Schöpfung. Sie stehen nicht nur für körperliche Größe, sondern symbolisieren die rohen, urtümlichen Kräfte des Kosmos – Chaos, Naturgewalten, Dunkelheit und Wildnis. Ihr Urahn ist Ymir, aus dessen Leichnam die Götter die Welt erschufen.
Doch nicht alle Jötnar sind Feinde der Götter. Einige von ihnen – wie Skadi, die Göttin des Winters, oder Mimir, der Hüter der Weisheit – leben in einem fragilen Gleichgewicht mit den Asen. Sie sind nicht das Böse per se, sondern das Ungebändigte, das Uralte, das sich der Ordnung widersetzt.
Dennoch sind es die Jötnar, die am Ende der Welt die letzte Schlacht auslösen. Der Feuerriese Surt wird mit seinem flammenden Schwert Asgard niederbrennen, und viele Götter werden im Kampf gegen die Riesen fallen. So stehen die Jötnar am Anfang und am Ende – als Gegenspieler, aber auch als notwendiger Teil des kosmischen Gleichgewichts.
Fazit: Die Welt der nordischen Wesen – Spiegel des Kosmos
Die nordische Mythologie ist weit mehr als eine Sammlung fantastischer Geschichten. Sie ist ein Spiegel der Natur, der Gesellschaft und des menschlichen Geistes – erzählt in der Sprache von Göttern und Kreaturen. Die Wesen dieser Welt sind keine bloßen Randfiguren, sondern verkörpern zentrale Prinzipien: Ordnung und Chaos, Weisheit und Zerstörung, Wandel und Bestimmung.
Ob Riesen oder Raben, Schicksalsweberinnen oder Schattenwesen – sie alle formen eine vielschichtige Mythologie, die bis heute fasziniert. Und sie erinnern uns daran, dass selbst die kleinsten Gestalten – wie ein listiges Eichhörnchen – das Gefüge der Welt beeinflussen können.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Was ist Yggdrasil und welche Rolle spielen die Wesen dort?
Yggdrasil ist der Weltenbaum der nordischen Mythologie, der alle neun Welten miteinander verbindet. Viele der mythischen Wesen – etwa Ratatosk, die Nornen oder Nidhöggr – leben direkt in oder um Yggdrasil und spiegeln seine Bedeutung als Zentrum des Kosmos wider.
Sind Jörmungandr, Fenrir und Hel wirklich Geschwister?
Ja. Laut der Edda sind sie die drei Kinder Lokis und der Riesin Angrboda. Jörmungandr (die Schlange), Fenrir (der Wolf) und Hel (die Herrscherin der Unterwelt) verkörpern jeweils eine große Bedrohung für die Götter.
Was unterscheidet Lichtalben von Dunkelelfen?
Lichtalben sind schöne, lichte Wesen, die in Alfheim leben und positive Kräfte wie Heilung und Weisheit verkörpern. Dunkelelfen (auch Schwarzalben) leben in der Dunkelheit und stehen für Magie, Geheimnisse und oft zwielichtige Kräfte – manchmal werden sie mit Zwergen gleichgesetzt.
Gab es historische Glauben an Trolle?
Ja, besonders in der skandinavischen Folklore des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Viele Bauern erzählten Geschichten über Trolle in den Bergen oder Wäldern und mieden bestimmte Orte, um sie nicht zu verärgern.
Können Walküren Gefühle zeigen oder lieben?
Ja, in mehreren Mythen verlieben sich Walküren in Sterbliche oder handeln aus Mitgefühl. Diese Liebesgeschichten sind oft tragisch, da Walküren bei Pflichtverstößen ihre göttlichen Privilegien verlieren.










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